Indonesien
Miteinander statt nebeneinander
Seit Ende der 1990er Jahre kommt es auf der indonesischen Insel Sulawesi immer wieder zu gewalttätigen Konflikten. Die protestantische Glaubensgemeinschaft Gereja Toraja fördert den Dialog der Religionen und Kulturen – und leistet so einen wichtigen Beitrag zu Frieden und Verständigung.
Dass selbst kleine Gesten große Irritationen auslösen können, hat Endang schon am eigenen Leib erfahren. „Vor ein paar Jahren habe ich einen weitläufigen Bekannten zum Essen eingeladen“, erinnert sich der Vorsitzende des Dorfzentrums von Sulobaja. „Während wir aßen, bemerkte ich, dass er noch nichts zu trinken hatte.“ Endang stand auf und holte ein Glas Wasser. Als er das Glas abstellte, hörte der Bekannte auf zu essen, stand auf und verschwand, ohne seinen Gastgeber noch eines Blickes zu würdigen. „Ich war ratlos“, erzählt Endang. „Erst später erfuhr ich, dass man in der Heimat meines Bekannten erst dann Wasser reicht, wenn die Mahlzeit beendet ist. Er war also verärgert, weil er dachte, er solle aufhören zu essen.“Geschichten wie diese können die Bewohner von Sulobaja zuhauf erzählen. In dem Dorf im Südwesten der indonesischen Insel Sulawesi leben Menschen vieler verschiedener Volksgruppen. Sulobaja ist die Abkürzung für Sulawesi, Lombok, Bali und Java – von diesen vier Inseln stammen die 480 Familien, die den Ort Anfang der neunziger Jahre in einer bis dahin unbesiedelten Küstenregion gründeten. Die Umsiedlung war Teil des so genannten Transmigrasi-Projektes, mit dem das Suharto-Regime versuchte, den Bevölkerungsdruck auf die dicht besiedelten Inseln Java und Bali zu senken. Fast sieben Millionen Menschen verließen zwischen 1969 und 1998 ihre Heimat, um auf Sulawesi und anderen weniger bevölkerungsreichen Inseln Indonesiens ansässig zu werden.
Doch das Zusammenleben von Angehörigen unterschiedlicher Kulturen und Religionen gestaltete sich schwieriger als gedacht. In Sulobaja etwa kamen Muslime, Christen und Hindus aus verschiedenen Volksgruppen zusammen, die unterschiedliche Sprachen, Gesten und Rituale mitbrachten. Obwohl – oder gerade weil – jede Volksgruppe in dem schachbrettartig angelegten Dorf in ihrem eigenen Viertel lebte und man sich nach Möglichkeit aus dem Weg ging, kam es zu Spannungen.
Dass sich dies in den letzten Jahren geändert hat, ist in erster Linie Gereja Toraja, der Toraja-Kirche, zu verdanken. Die protestantische Glaubensgemeinschaft, nach der Unabhängigkeit Indonesiens 1947 aus der Niederländischen Missionsgesellschaft hervorgegangen, betreibt seit den achtziger Jahren mit finanzieller Unterstützung von „Brot für die Welt“ ein ländliches Entwicklungsprogramm in der Toraja-Region im Süden Sulawesis. Angesichts der gewalttätigen Konflikte insbesondere zwischen Muslimen und Christen, die nach Suhartos Rücktritt im Jahr 1998 ausbrachen, erweiterte Gereja Toraja sein Programm um Elemente der Friedens- und Versöhnungsarbeit.
Einmal im Jahr veranstaltet die Organisation seitdem einen interreligiösen Dialog, bei dem lokale Vertreter aller ortsansässigen Religionen über die gemeinsame Basis und die unterschiedlichen Praktiken ihrer Glaubensrichtungen diskutieren. Noch wichtiger für das gegenseitige Verständnis sind jedoch die von Gereja Toraja initiierten Begegnungen im täglichen Leben. So besuchen sich die Angehörigen verschiedener Religionen an Feiertagen wie Weihnachten oder dem Tag des Fastenbrechens. Und die Volksgruppen organisieren kulturelle Veranstaltungen, bei denen sie sich gegenseitig traditionelle Riten und Gebräuche erklären. Außerdem nehmen sie gemeinsam an Trainings zur Konfliktbewältigung teil, um zu lernen, wie sie Meinungsverschiedenheiten zur Zufriedenheit aller lösen können.
Durch die gemeinsamen Aktivitäten konnten viele Missverständnisse aufgeklärt und Vorurteile beseitigt werden. „Wir fragen nun zunächst nach und sind nicht sofort beleidigt, wenn sich andere scheinbar unhöflich oder herabwürdigend verhalten“, sagt Endang. „Dank Gereja Toraja haben wir gelernt, dass wir Konflikte vermeiden können, indem wir miteinander reden.“
Träger: Gereja Toraja (GT)
Finanzierung (drei Jahre) „Brot für die Welt“: € 204.985,–
Was kostet wie viel?
Nachbarschaftsbesuch bei einem Dorfältesten: € 3,-
Zweitägiges Training zu Konfliktbewältigung für 30 Personen: € 100,-
Weitere Informationen zu diesem Projekt finden Sie im Internet unter www.brot-fuer-die-welt.de/projekte/gt
Text: Thorsten Lichtblau, Foto: Gabriele Wägerle
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